Kennt ihr diese Bilder von alten Menschen, die ein breites Lächeln auf dem Gesicht haben und die so viel Lebensfreude ausstrahlen, dass sich die eigenen Mundwinkel quasi automatisch nach oben bewegen? Man kann das mitgrinsen nicht aufhalten. Diese Bilder beinhalten meine Antwort auf die Frage „Was wünscht du dir für dein Leben?“. Zugegeben, bis Falten mein Gesicht zeichnen und meine Haare sich weiß färben, dauert es wahrscheinlich noch ein bisschen. Trotzdem fängt man ab einem gewissen Punkt – auch in jungen Jahren – an, sich mit dem Thema Alter auseinanderzusetzen. Man versteht langsam, was es bedeutet und denkt darüber nach, was im Leben zählt.

Ich kann das Klickern der Zähluhr fast spüren, die mir sagt, dass einige Dinge von Tag zu Tag unwichtiger und unwichtiger werden. Andere bekommen dafür immer mehr Gewicht. Diese Erkenntnis und das Ändern von Prioritäten, ist Charaktereigenschaft des Lebens und wahrscheinlich werde ich diesen Prozess noch einige Male durchmachen.

Ein Thema, das meine Gedanken in letzter Zeit besonders oft für sich beansprucht, ist Stress. Wir alle haben viel zu viel davon und machen uns einen Großteil davon selbst. Manche gestehen sich diese Tatsache ein, andere nicht. Gerne steht man vor folgender Blockade: man fühlt sich gefangen und glaubt, an vielen Dingen nichts ändern zu können.

Hohe Erwartungen im Bereich Bildung und Karriere.

Großer Druck im Bezug auf Äußerlichkeiten.

Immer mehr Technik und ständige Digitalisierung.

Viele Reize, viel Input, alles leuchtet und blinkt.

Unsere Gesellschaft ist eine tickende Zeitbombe und jeder hat Angst nicht hinterherzukommen, etwas nicht zu schaffen oder zu verpassen. Am Ende nimmt man all das einfach hin und lebt damit. Denn es erscheint leichter, sich zu fügen und mit dem Strom zu schwimmen. Bemühungen anzustellen, um seinen ganz persönlichen Weg raus aus dem stressigen Alltag des Westens zu finden, wirkt wie die unüberbuckbare Hürde. Und es erscheint auch leichter, anderen Menschen oder der Gesellschaft als Ganzes, die Schuld für das viel zu schnelle Tempo in die Schuhe zu schieben, als Eigenverantwortung zu übernehmen.

Warum nicht akzeptieren, dass der Bus Verspätung hat?

Er wird sich nicht dazu entscheiden früher zu kommen, nur weil man sich den ganzen Tag darüber beschwert und ärgert. Entspannter macht das Jammern aber leider auch nicht.

Warum nicht hinnehmen, dass etwas kaputtgegangen ist?

Es reparieren, sich darum kümmern, dass es repariert wird oder – wenn notwendig – Ersatz besorgen, wird das Problem lösen. Sich Tag für Tag deswegen ärgern eher nicht.

Warum andere Menschen nicht so akzeptieren wie sie sind – anstatt gedanklich ewig in Situationen mit ihnen, die uns aufgeregt haben, zu hängen?

Entweder der Person aus dem Weg gehen, oder sich damit abfinden wie sie ist.

Und das waren nur ein paar Situation im Leben, über die sich gerne Köpfe zerbrochen werden. Meiner Meinung nach umsonst. Ich möchte nicht alle negativen Emotionen verbannen, wir sind Menschen und sich ärgern, wütend oder traurig sein, ist das normalste auf der Welt. Aber – und das kenne ich von mir selbst zu gut – wir verbringen mehr Zeit, als wir müssten, mit diesen Emotionen. Einen Großteil der Energie die wir in Jammern, Beschweren und Ärgern stecken, könnte man sehr gut dafür aufbringen, sich mit der Lösung des jeweiligen Problems zu beschäftigen. Klingt so einfach und banal, aber nach meiner Erfahrung ist das Verharren in negativen Emotionen, in allen von uns sehr tief verwurzelt. Jeder hat einen kleinen grantigen „Urwiener“ im Kopf, der uns mit genügend Suderei versorgt (auch wenn die meisten Grazer das jetzt wahrscheinlich ungern hören möchten). Mit ein bisschen Übung lässt sich dieser grantige „Urwiener“ jedoch einfacher loswerden, als man vielleicht annimmt. Denn was wir denken, ist tatsächlich reine Übungssache und lässt sich umpolen.

Um wieder auf mein anfängliches Bild zurückzukommen – ich bin der festen Überzeugung, dass ein stressfreies, gemütliches Leben, der Schlüssel zum Glücklichsein ist. Im Alter, genauso wie in jungen Jahren. Ich lebe natürlich nicht im Träumeland und mir ist klar, dass es Situationen gibt, die man hinnehmen muss und an denen man nichts ändern kann. Bestimmte Menschen sind Teil des eigenen Lebens. Bestimmte Dinge muss man erledigen und mit manch einer Sache, sieht man sich immer wieder konfrontiert, obwohl man nicht möchte. Aber – suprise, suprise: Das Beschweren ändert daran nichts. Hinnehmen, hinter sich bringen und weiterziehen zu den schönen Seiten des Lebens, führt zu herrlicher Gelassenheit und sagt dem Stress den Kampf an (warum nicht mal dem Stress, anstatt immer nur den Kilos?).

Hier hat wieder einmal die unverbesserliche Optimistin aus mir gesprochen. Lasst euch aber bitte von der durchscheinenden Naivität meiner Worte nicht blenden. Das ist nur etwas Leichtigkeit, die sich geschickt als rosarote Brille tarnt. Ich kann euch versprechen, dass Gemütlichkeit einen Versuch wert ist, und – ich habe es selbst probiert – diese Lebenseinstellung zwischenzeitlich zu Muskelkater im Gesicht führen kann, weil man das Grinsen zum Dauerbegleiter wird.

Erkennt ihr euch wieder, wenn es um das Thema Stress geht? Welche Einstellung habt ihr zum entspannten Umgang mit Alltagssituationen?

4 Replies to “Probier’s mal mit Gemütlichkeit

  1. Es gibt keine Altersgrenze um alte Strukturen aufzulösen, um Neues auszuprobieren, um aufzubrechen zu unbekannten Ufern. Das ist das Positive und Erfreuliche. Aus meiner Sicht ist es jedoch mit zunehmenden Alter mehr Überwindung ( für mich ), a little bit mühsamer, aber nicht aussichtslos. Ja du hast recht, Gedankenhygiene hilft, sich neue Gedankenmuster anzutrainieren, Hinderliches loszulassen. Möge der Versuch gelingen und die Wachsamkeit sich selbst und anderen gegenüber bleiben, denn es zeigt von größerer Stärke Fehler einzugestehen, als ihnen treu zu bleiben.
    Und doch, wenn ich zurückblicke, liebe ich auch mein Altes, zu diesem Zeitpunkt Hinderliches, denn es war wichtig um mich an den Punkt zu bringen, wo ich heute bin, und weiter, und weiter, und weiter…….

    1. Eine schöne Einstellung 🙂 Sich zu jedem Zeitpunkt selbst akzeptieren können – auch im Nachhinein – macht immerhin auch sehr gelassen.

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