Ich stehe vor meinem Schrank. Ich sehe T-Shirts unliebsam gestapelt, ein Kleid neben dem anderen – dabei frage ich mich, wann ich eigentlich das letzte Mal eines getragen habe? Eigentlich bin ich nicht so das Kleider-Mädchen und richtig wohl fühle ich mich in den meisten auch nicht. Naja, dafür besitze ich doch recht viele. Hosen, von denen ich nicht mehr wusste, dass ich sie habe und Pullover, die ich zwar hin und wieder anziehe, aber mir dabei jedes Mal vorkomme, als wäre ich Teil eines experimentellen Theaterstücks, weil ich immer die gleiche Bewegung mache, um den Pullover nach unten, vorne, oder auf eine Seite zu ziehen. Von selbst sitzt er nämlich nicht so, wie ich das gerne hätte.

Diese Situationen kennen bestimmt viele – so auch ich. In meiner Jugend habe ich so viel besessen. Ich glaube, dass mein Kleiderschrank damals kurz vor dem Explodieren war. Wir stopfen immer mehr in unsere Schränke, weil wir Angst davor haben, die Kleidungsstücke, die wir nicht gerne und regelmäßig anziehen, und eher als Kompromiss gekauft haben, auszurangieren. Denn vielleicht bleiben dann nur mehr zwei Hosen, fünf T-Shirts und drei Pullover übrig. Und das ginge ja überhaupt nicht.

Was für ein Blödsinn.

Das geht natürlich, und in den meisten Fällen ändert es sogar wenig an dem eigenen Kleidungsstil, weil man ja sowieso nur die Stücke oft trägt, in denen man sich gerne sieht. Der Unterschied ist nur, dass es sich um einiges besser anfühlt, wenn der Schrank nicht mehr aus allen Nähten platzt. Dass sich der eigene Stil im Laufe des Lebens verändert, ist verständlich. Gerade in der Pubertät probiert man sich aus und versucht herauszufinden, worin man sich wohl fühlt und wie man auf andere wirken möchte. Bei mir selbst habe ich aber bemerkt, dass ich immer reflektierter werde, was meine Kaufentscheidungen angeht und auf einmal macht mich sowohl das Einkaufen, als auch jedes Kleidungsstück in meinem Schrank glücklich.

Das Glücksgefühl unserer Zeit

Wir, die ein Teil der westlichen Gesellschaft sind, haben das große Glück, uns keine Sorgen, über die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse machen zu müssen. Wir werden jeden Tag satt und ein Dach über dem Kopf haben wir auch. Als Kinder dürfen wir in die Schule gehen (ja, ab einem gewissen Alter verwendet man in diesem Zusammenhang das Wort „dürfen“ und nicht „müssen“) und wenn wir die Leitung aufdrehen, haben wir trinkbares Wasser. Aber wir werden dazu erzogen, unser Glücksgefühl auf Konsum aufzubauen und viele von uns glauben nur dann ein zufriedenes Leben zu führen, wenn sie genug besitzen. Die Modeindustrie leistet gute Arbeit darin, uns weis zu machen, dass wir dieses Kleidungsstück UNBEDINGT benötigen und jenes Teil AUF ALLE FÄLLE in unserem Schrank hängen muss, damit wir im Trend und am modischen Zahn der Zeit sind. Am im Trend sein wollen, ist für mich – an sich – auch nichts Verwerfliches zu finden. Aber es gibt sehr unterschiedliche Herangehensweisen um diesen Lebensstil zu pflegen.

Wann ist genug, genug?

Natürlich darf Einkaufen glücklich machen. Ich bin aber der Ansicht, dass es nur dann WIRKLICH glücklich macht, wenn man reflektiert und bewusst einkauft. Es macht einen Unterschied, ob ich Geld für etwas ausgebe, weil es mir wirklich gefällt und ich mich darin wohlfühle, oder ob ich kaufe, nur um des Besitzes willen. Wir werden von den Massen erschlagen und überall ist alles zu den günstigsten Preisen erhältlich. Das verführt dazu, einfach drauf los zu shoppen und zu hoffen, dass ein neues Lieblingsteil dabei ist. Die Frage ist nur – wozu dann all die anderen Teile kaufen? Wie oft haben wir schon zugeschlagen, obwohl etwas nicht wirklich bequem ist? Solche Stücke wird man wahrscheinlich weder gerne, noch oft tragen. Und wie viel aufrichtige Freude, kann man dem 30. Shirt wirklich entgegenbringen? Umso voller der Schrank ist, desto weniger wird man die einzelnen Teile schätzen.

Qualität vor Quantität

An dem Punkt, an dem mir all das bewusst wurde und ich keinen Spaß mehr dabei hatte, in meinen Schrank zu schauen, hieß es also – AUSMISTEN. Genau das habe ich gemacht. Das erste Mal, schon vor längerer Zeit und seitdem immer wieder (weil ich gemerkt habe, dass es am Anfang doch noch ungewohnt war, gnadenlose Entscheidungen zu treffen und deshalb Runde 2, 3 und 4 notwendig war). Ich habe drastisch aussortiert, weil ich die Menge an Besitz nicht mehr ausgehalten habe und ich fühle mich seitdem unglaublich erleichtert. Ich kaufe seitdem auch automatisch bewusster und denke zwei Mal nach, bevor etwas in meinem realen oder digitalen Warenkorb landet. Es ist wie ein Vorhang, der einmal fallen muss – plötzlich nimmt man alles, was diese Thematik streift, anders wahr.

Ich würde mich nicht als Minimalistin bezeichnen. Aber der Bewegung kann ich definitiv etwas abgewinnen. Der pure, extreme Minimalismus, ist mit den westlichen Werten oft schwer zu vereinbaren. Deswegen finde ich jeden Schritt, der in diese Richtung getan wird, gut. Man darf ruhig klein anfangen und man muss die minimalistische Lebensweise auch nicht als einziges Ziel in seinem Alltag festlegen. Aber alles was getan wird, um den Konsumtrend weniger zu unterstützen, als man es am Tag davor getan hat, bewirkt etwas. Unser Planet freut sich und ich kann euch versprechen, dass es euch glücklicher machen wird.

Ich bin bei weitem nicht perfekt und fange gerade erst an, dieses Thema, über das ich schon lange nachdenke, auch in meinen Alltag und mein Kaufverhalten zu integrieren. Aber ich habe mir ein paar Ziele für die Zukunft gesetzt:

Mehr in Second Hand Läden einkaufen

Erstens macht mir das Stöbern dort wirklich Spaß und zweitens, schätze ich die Stücke viel mehr. Ich denke irgendwie fasziniert daran, dass sie schon eine lange Reise hinter sich haben.

Hochwertige Basics

Ich habe mir vorgenommen, bei den nächsten Basics etwas mehr Geld liegen zu lassen und auf Qualität zu achten. Diesen Punkt habe ich bis jetzt noch nicht so strebsam erfüllt, aber wenn man in die Basic Ausstattung ein bisschen mehr investiert, muss man diese nicht jede Saison erneuern und kann sich länger daran erfreuen.

Trend Entscheidungen

Jede Saison gibt es mindestens drei große neue Trends und wenn wir uns ehrlich sind, ist nicht jeder für jeden Trend gemacht. Nicht, weil nicht alle tragen können, was sie möchten, egal was das allgemeine Schönheitsideal sagt. Aber es gibt Schnitte und Farben, in denen wir uns nicht wohlfühlen, und das ist ok. Wir müssen nicht allen Trends hinterherjagen.

Spenden, Verkaufen, Verschenken

Geschmäcker verändern sich im Laufe des Lebens und gerade am Anfang dieser Reise des Umdenkens, werden viel Teile den Schrank verlassen müssen – die sollen natürlich nicht einfach im Müll landen. Das wäre nicht vereinbar mit den oben genannten Problematiken. Wenn wir ein Kleidungsstück nicht mehr gerne tragen, freut sich vielleicht jemand Anderes darüber. Weitergeben oder Spenden, ist eine tolle Möglichkeit seinen Schrank leichter zu machen und trotzdem gegen die Wegwerfgesellschaft anzukämpfen.

Welche Erfahrungen habt ihr mit dem Thema Minimalismus gemacht? Habt ihr bestimmte Vorsätze im Bezug auf euer modisches Konsumverhalten?

2 Replies to “Plädoyer für ein bisschen Minimalismus im Kleiderschrank

  1. Hallo liebe Lisa,
    ich sortiere meine Kleidung mindestens zweimal im Jahr aus und bin jedesmal wieder erstaunt, wie viel da zusammen kommt. Second hand finde ich eine sehr gute Idee, vor allem wenn die Kleidung von einer modebewussten Schwester kommt 😉

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